Briefe und Bilder

Bilder

Oskar Kusch: Erschießung

Oskar Kusch: Der Schachspieler

Alle Bilder gezeichnet von Oskar Kusch. Quelle: Nachlass H.v.Luttitz

Briefe

2.2.1944, Oskar Kusch an seinen Vater

Lieber Vati –
ich denke, daß du angeschrieben von Dieter Berger oder Wolfgang Kühns über den Stand der Dinge unterrichtet bist. Am Montag war Dieter noch einmal hier. Am besten rufst Du ihn, falls er es selbst nicht schon getan hat an (76 68 73), er kann Dich dann über alles besser und eingehender unterrichten als ich es hier schriftlich tun kann. Es gäbe sonst noch viel zu sagen- aber das fällt mir jetzt schwer. Es ist auch Müßig. Wir müssen nur abwarten, welchen Lauf das Schicksal nehmen wird. Hoffen wir auf einen günstigen. Du kannst mir schreiben:
Kiel-Wik , M.U.G. Vorläufig werde ich hier bleiben. Bis eine endgültige Entscheidung gefallen ist. Von Herzen alles Gute. Auf ein Widersehen.
Dein Oskar

27.2.1944, Oskar Kusch an Obersteuermann Heinrich Lüdmann

Lieber Lüdmann
zuvor herzlichen Dank für Ihren Brief vom 14.1., den ich allerdings erst vor einigen Tagen erhalten habe. Herzlichen Dank vor allem für Ihre guten Wünsche. Vielleicht ist Ihnen nun inzwischen von den Ereignissen an Bord unseres guten „U-Sonnenschein“ bereits etwas zu Ohren gekommen. Falls nicht, will ich Ihnen kurz berichten. – Als ich vom Urlaub nach L. am 20.1. zurückkam, wurde ich verhaftet. Oblt. Abel, Druschei und auch der neue II.W.O. hatten in meiner Abwesenheit, ohne daß ich davon etwas wußte, eine Meldung über mich eingereicht, in der schwerste Vorwürfe politischer Art, Äußerungen meinerseits an Bord, Abhören fremder Rundfunksender und zahlreiche andere auf diesem Gebiet enthalten waren. Am 26.1. fand dann in Kiel vorm Kriegsgericht eine Verhandlung wegen angeblicher Wehrkraftzersetzung statt. Auf Grund der Zeugenaussagen u.s.w., gegen die ich leider keinen völligen Gegenbeweis führen konnte, sah das Gericht meine Schuld als erwiesen an und verurteilte mich ohne Anerkennung mildernder Umstände wegen „Wehrkraftzersetzung“ und „Untergrabung der Manneszucht“ zum Tode. – Ja, lieber Lüdmann, es ging sehr schnell vom Kommandanten zum Delinquenten oder zumindest Zuchthäusler. Sie der Sie grad die 1. Fahrt mitgemacht haben, müssen ja einigermaßen wissen ob und wie weit ich die Wehrkraft bei uns an Bord zersetzt und die Manneszucht untergraben habe. Ich glaube, wenn man einmal die Besatzung fragen würde, erschiene
ein anderes Bild als nach den Aussagen der Abel und Druschei. – Nun, jetzt ist nichts mehr zu ändern. – Ich sitze vorläufig in Kiel und warte hier im Untersuchungsgefängnis seit dem 27.1. auf die Bestätigung des Urteils, bzw. meine Begnadigung. Im Augenblick ist die Angelegenheit dem Ob.d.M. unterbreitet. Und es werden vielleicht noch einige Wochen bis zu einer endgültigen Entscheidung vergehen. – Wie meine Lage hier im Gefängnis ist, werden Sie sich denken können. Als alter Seemann und U-Kommandant im Gefängnis. Dazu mit einem solchen Urteil. Und jener lächerliche, schmähliche Anlaß zu dem ganzen. Ja, es ist oft bitter schwer, das alles zu überdenken. – Sollten Sie zufällig mal nach Kiel kommen, würde es mich freuen, wenn Sie mich besuchen oder schreiben würden. Sprecherlaubnis gibt es beim Gericht auf „Erwin Wassner“. – Über die letzte Fahrt ist leider nicht viel Erfreuliches und Erfolgreiches zu berichten. Fliegerangriff, viel Unterwasserstehen u.s.w. – Nun hoffen wir trotz allem noch auf einen günstigen Ausgang des Ganzen. – Ihnen selbst, lieber Lüdmann, alles Gute und Erfreuliche. Vor allem völlige Gesundheit. Die herzlichsten Grüße sendet Ihnen und Ihrer Gattin
Ihr alter Kommandant Oskar Kusch

1.3.1944 Dieter Berger (ein Freund aus der bündischen Jugend) an Oskar Kusch

Lieber Oskar!
Ich habe Dir bis jetzt nicht schreiben können – aus Gründen, die ich hier nicht mitteilen kann – aber auch nicht schreiben wollen, denn die innere Verbindung von Dir zu mir ist so stark, daß ein Brief, in dem Gedanken geschrieben, daß ein Fremder diesen Brief liest, nur störend sein könnte. Doch nun hast Du eben zu mir gesprochen – in Deiner stärksten Sprache, Deinen Bildern – nun muss ich antworten. Eben ist Inge gegangen, es ist spät und ich sitze bereits im Schlafanzug auf dem Bettrand, nachdem ich sie noch zum „T“ gebracht habe. Ich habe mir noch einmal die Mappe mit Deinen Zeichnungen durchgesehen und das Licht ausgeknipst aber wie ich so lag, hörte ich Dich, wie Du zu mir sprachst, und so sitze ich nun wieder auf und tippe – den ersten Brief an Dich seit ich Dich in Kiel verliess. Diese Bilder, Oskar! Du hast eine solche Stärke und Ausdruckskraft und Deine Seele spricht so rein und klar aus ihnen, Herrgott, das muss doch auch ein anderer verstehen!
Ich war bis jetzt der Meinung, daß diese Zeit keine wahre Kunst mehr hervorbringen könne, weil echte Kunst aus dem Unbewussten, aus den Tiefen der Seele kommen muss, die heutige Kunst aber meist konstruiert und bewusst geschaffen wird. Deine Bilder haben mich eines besseren belehrt und ich weiss jetzt, daß Du damit noch vieles zu sagen hast, noch in vielen Bildern Deine Persönlichkeit hinausprojizieren wirst auf ein Blatt Papier und damit eine Idee, Deine Idee aus dem Reich der Ideen festhalten wirst und anderen etwas abgeben. Denke daran, was ich Dir vor jeder Feindfahrt sagte: daß Dir nichts zustossen
kann, weil Du noch eine Mission zu erfüllen hast und kein Mensch stirbt, bevor er nicht seine Mission erfüllt hat. So wie Rembrandt nicht ohne Arme auf die Welt kommen konnte , so wirst Du Deinen Weg gehen trotz aller scheinbar unüberwindlichen Hindernisse. Ich glaube an Dich und Dein Schicksal und Du sollst es auch! Gott ist auch nur ein Wort für die Unbegreiflichkeit dieses Lebens, aber an Gott glauben, heisst, an den Sinn dieses Lebens glauben, auch wenn wir es nicht verstehen – seine Wege sind nicht unsere Wege.
Ach Oskar – ich habe mit meinen Worten nicht die Ausdruckskraft, die Du in Deinen Zeichnungen besitzt, aber Du wirst mich schon verstehen – wie damals, in der Pompeji-Bar, wie wir zum erstenmal zueinander redeten und sprachen. Es ist inzwischen fast Mitternacht geworden. In wenigen Tagen werde ich Dich wieder besuchen, ich weiss nur noch nicht genau, wann ich wieder hier weg kann. Dann werde ich Dir erzählen, was sich so schwer schreiben lässt – ein Brief ist ja immer nur ein kleiner Auszug von dem, was man eigentlich alles zu sagen hätte. Ich freue mich auf unser Wiedersehen, trotz aller elenden Begleitumstände.
Von Herzen Dein Dieter.


8.3.1944, Oskar Kusch an einen Peter und Karl-Otto Flindt, einen Crewkameraden

Lieber Peterle, lieber Karlo.
Ihr habt nun lange nichts mehr von mir gehört. Aber es gab nichts Neues oder Erfreuliches zu berichten. Auch heut’ noch nicht, d.h. bis jetzt hat sich noch nichts ereignet. Aber die unwiderruflich letzte Entscheidung kommt näher und näher. Ihr tödlicher Ernst und ihre Bedeutung wirft ihre Schatten auf jeden Tag, auf jede Stunde. Ich bemühe mich, innerlich damit fertig zu werden, den Gedanken an einen endgültigen Schluß in mich aufzunehmen. Aber das ist bitter schwer. Vor allem der Gedanken an ein solch trostloses, schmachvolles Ende. Das ist das bitterste. Wie oft haben wir draußen mit ihm rechnen müssen, bei Fliegerangriffen, Wasserbomben und all den Dingen des U.-Bootskrieges – aber es ist ein anderes Ding, es hier auf solche Weise erleiden zu müssen. – Wie gerne würde ich jetzt wieder draussen sein, zur See fahren! In der Enge und Einsamkeit meiner Zelle ist diese Sehnsucht besonders qualvoll und schmerzlich. Ihr wißt ja doch, wie sehr ich an meinem Beruf aus wahrer Berufung hing. Auch das ist endgültig vorbei. Es ist so bitter, daß ich gar nicht daran denken darf. Nie mehr mit einer Mannschaft zur See fahren können, nie mehr Kommandant sein. Wenn man mir jetzt ein Boot gäbe! Was würde ich jetzt erst mit meiner Erfahrung und meinem Können tun und anstellen, wie würde ich zu beweisen trachten, jenes falsche Bild richtig zu stellen. Ich glaube und weiß, daß damit wohl allen besser gedient wäre, als mit einer Vollstreckung, besonders der U.-Waffe und dem Staat. Aber es geht nun alles nicht, es ist zu spät. So versuche ich das einzige, was ich noch tun kann: Die Kraft zu sammeln, die nötig ist, dem Schicksal zu begegnen, vor allem anständig und gerade zu begegnen. Ich hoffe sehr, daß ich sie habe, wenn ich sie brauchen muß. Aber man kann es wohl vorher nicht wissen und nur immer wieder darum bitten. – Wie geht es Dir, alter Karlo? Wo steckst Du? Nun haben wir uns bald 11/2 Jahre nicht mehr gesehen.
16. Sept. 1943 in Berlin zuletzt. Ob wir uns noch einmal wiedersehen werden? – Wenn Du Zeit hast und kannst, schreib mal. So ein Brief ist für mich immer so ein Stückchen warmes Leben. – Das einzige spürliche Band, das mich ja mit der Welt noch bindet und verbindet. Meine Gedanken sind oft bei Peter und Dir und all den Stunden, die uns geschenkt wurden in den Jahren der Gemeinsamkeit. Sie wir erhalten bleiben. Auch, wenn ich gehen muß. Sie ist vielleicht jenes „Ewige, Absolute“, nach deren Verwirklichung wir vergeblich suchen.
Aber es genügt schon, einen Abgang davon auf Erden zu finden. – Alles Liebe und Gute, besonders für Dich, Peterle, und Dich, Karlo, draußen.
Es denkt an Euch in Herzlichkeit
Euer Oskar

11.5.1944, Oskar Kusch an seinen ehem. Kommandanten Kapitänleutnant Gustav Janssen

Lieber Gustav,
das Schicksal hat doch gegen mich entschieden. Meinen Dank, alle guten Wünsche für Deine Zukunft und meine letzten Grüße. Behalte mich in gutem Andenken. Daß ich schuldlos sterbe, weißt Du. Es nutzt trotz allem nichts. Ich drücke nochmals Deine Hand
und bin in alter Treue Dein
Oskar.

Anmerkung:
Die Ablehnung der Begnadigung erfolgte am 10.4.1944 durch Göring und Dönitz